Stiller Virtuose in der Kathedrale

Maître Albert Leblanc (1903–1987) – Domorganist und Mentor

Musikbestand des Cedom

Elisabet Wirtz-Lemmel

Im April 1960 hält ein Transportwagen der Orgelfirma Georges Haupt aus Lintgen vor dem Bernard-Kaufman-Haus in der Rue de l’Athénée. Ausgeladen wird eine Salonorgel, eigens angefertigt für den bekannten Domorganisten Albert Leblanc.

Die Orgel ist ein Geschenk einer Gruppe von Schülern und Freunden Leblancs, finanziert mit Spenden von über 200 weiteren Sympathisanten. Leblanc nennt seine Salonorgel die »Kleine Haupt«, im Gegensatz zur »Großen Haupt«, auf der er in der Kathedrale spielt und die ebenfalls von Georges Haupt, einem ehemaligen Mitarbeiter der Orgelfirma Stahlhut aus Aachen 1938 fertiggestellt wurde.

Als 1926 nach dem Tod von Jean-Pierre Beicht das Amt des Domorganisten neu zu besetzen war, überzeugte der aus dem belgischen Sprimont stammende Albert Leblanc die Jury mit seinem großen Repertoire und seiner Virtuosität. 60 Jahre stand Leblanc im Dienst der Kathedrale, »provisorisch«, denn eine Festanstellung stand einem Domorganist damals nicht zu. Er orgelte wochentags die 9-Uhr-Messe sowie sonntags stündliche Messen zwischen 6 und 12 Uhr morgens. Er spielte zu allen bedeutenden historischen Ereignissen, wie zur Rückkehr der Großherzogin Charlotte aus dem Exil am 15. April 1945, wo seine Paraphrase sur le Wilhelmus, ein Orgelvorspiel zur Hymne, das erste Mal erklang, während es ihn in der Nazizeit reizte, Phrasen von Ons Heemecht in seine Orgelimprovisationen einzubauen. Im Laufe der Jahre entstanden zahlreiche weitere Stücke, die auch heute noch zum sakralen Repertoire in Luxemburg gehören, wie die Toccata Klagt in Leid für die Oktave, O salutaris hostia, Domine salvam fac oder die Messe en l’honneur de Notre-Dame de Luxembourg.

An einer Karriere als Orgelvirtuose war Leblanc wenig interessiert, aber als tiefreligiöser und bescheidener Mensch fand er Erfüllung im liturgischen Spiel und den Orgelmöglichkeiten innerhalb der Messe und kirchlichen Feiern. Dass er dennoch international bekannt wurde, verdankt er Radio Luxemburg. Der Sender strahlte als kommerzieller Privatsender auf Mittel- und Langwellen aus, was ihm laut europäischem Wellenplan (jedes Land begrenzt seine Reichweite auf die Landesgrenzen) eigentlich nicht zustand. So konnte man bereits in den 1930er-Jahren überall auf dem Gebiet zwischen Deutschland, Frankreich und Großbritannien Leblanc an seiner Orgel per Radio zuhören. Besonderen Stellenwert bekam Leblancs Orgelspiel nach dem Zweiten Weltkrieg. Als die Nazis beim Abzug aus Luxemburg nicht nur das Radioarchiv sprengten, sondern auch die Tonbandaufnahmegeräte mitnahmen (und das Radioorchester noch nicht wieder aufgebaut war, um für Unterhaltung zu sorgen), wurde die Orgelmusik aus der Kathedrale per Telefonleitung ins Studio der Villa Louvigny gesendet und von dort aus direkt live ausgestrahlt.

An seinem Radiogerät in Paris empfing auch der französische Organist und Komponist Marcel Dupré die Sendungen aus der Kathedrale in Luxemburg und war so beeindruckt, dass er 1935 anlässlich seiner Reise zur Einweihung der Kathedralorgel in Verdun einen Abstecher nach Luxemburg machte, um den Organisten von Notre-Dame persönlich kennenzulernen. Dupré wiederholte seinen Besuch im Großherzogtum 1950 mit einem Orgelkonzert in der Kathedrale.

Leblanc widmete sein Leben nicht nur der Kirche, sondern kümmerte sich auch um eine große Schülerschar. Es sind heute in Luxemburg wenig Organisten tätig, die nicht Schüler bzw. Schüler von Schülern von Leblanc waren. Mathieu Lamberty, Pierre Nimax sen. oder Pierre Drauth waren Schüler der ersten Zeit. Sie lernten bei ihm nicht nur Orgel, sondern auch Klavier und Harmonielehre. Leblanc unterrichtete für ein geringes Entgelt, je nachdem, was die Schüler und ihre Eltern zu zahlen vermochten, mitunter sogar gratis. Der Unterricht fand entweder bei Leblanc zuhause am Piano, an der großen sinfonischen Orgel in der Kathedrale oder anderen kleineren Orgeln statt. Je nach Niveau und zeitlicher Verfügbarkeit der Schüler, je nach Zugang zu einer freien Orgel bzw. der Stücke, die der Schüler gerade spielte, konnte der Maître den Unterricht flexibel an die Schüler anpassen.

Vor der Erfindung der elektrischen Windzufuhr für die Pfeifen, war das Spielen – und somit auch jede Übungseinheit – für Organisten noch kompliziert. Leblanc selbst erinnert sich an seine Zeit als Knabe an der Orgel in Bastogne, wo er sich zum Üben keinen Blasebalgtreter leisten konnte: Stattdessen pumpte er Luft in die Orgelpfeifen, spielte dann kurz an den Manualen, bis die Luft verbraucht war, und lief erneut zu den Pumpen. In Notre-Dame waren Blasebalgtreter noch bis 1929 im Einsatz, bevor die zweite sich in der Kathedrale befindliche Orgel auf der hinteren Empore mit einer pneumatischen Traktur ausgestattet wurde und zusätzlich zur mechanischen eine elektrische Windzufuhr erhielt. Dass die mechanische Windzufuhr beibehalten wurde, war im Festgottesdienst zur Befreiung Luxemburgs am 10. September 1944 von Bedeutung, als in Luxemburg der Strom ausgefallen war.

1954 trat Leblanc eine Stelle als Orgellehrer (chargé de cours) am hauptstädtischen Konservatorium an. Das rigide Unterrichtskonzept der Commission de surveillance – festgelegte Unterrichtszeiten in festgelegten Räumlichkeiten – ließ sich aber nicht mit Leblancs flexiblen Unterrichtsvorstellungen vereinbaren. Nach jahrelangen Differenzen mit der Commission de surveillance, von denen Briefe in Leblancs Nachlass Zeugnis ablegen, reicht Leblanc 1960 seine Kündigung ein. »[L]es conditions données ne me permettent plus de continuer mes fonctions.« Zusammen mit dem Maître verließ auch eine Reihe von Schülern das Konservatorium, wie einem Brief an den Schöffenrat zu entnehmen ist, Zeichen dafür, wie eng sie mit ihrem Lehrer und Mentor verbunden waren.

Brief von Schülern Albert Leblancs an den Schöffenrat der Stadt Luxemburg. - BnL, Cedom, Fonds Albert Leblanc, LMF 20 II.1.V1.

Es ist anzunehmen, dass die Gleichzeitigkeit der Kündigung am Konservatorium und die Anlieferung der Salonorgel in Zusammenhang stehen. Zehn Jahre lang gehen die Schüler nun wieder in der Rue de l’Athénée ein und aus, bevor im Jahr 1970 erneut große Fahrzeuge vor dem Bernard-Kaufman-Haus stehen: das Gebäude steht auf der Liste der Häuser, die im Zuge der modernen Stadtplanung der 70er-Jahre abgerissen werden sollen. Leblanc findet eine neue Wohnung für sich und seine Instrumente nur wenige Meter weiter an der nächsten Hausecke über dem Café des Casemates. Als wenige Jahre später auch dieses Gebäude Opfer der Stadterneuerung wird, bezieht Leblanc 1976 sein letztes Domizil, eine geräumige Wohnung unweit des Kapuzinertheaters (15, Place du Théâtre). Einige seiner letzten Schüler, Patrick Colombo, Pierre Nimax jun., Alain Wirth und Michèle Kerschenmeyer, erinnern sich an seinen Unterricht: Neben der Salonorgel standen in den drei Zimmern noch eine elektronische Orgel und zwei Klaviere. Bis zu drei Schüler konnte Leblanc gleichzeitig unterrichten, wobei jeder in einem anderen Raum saß und übte, während der Maître von einem Zimmer zum anderen ging. Sie erinnern sich auch, dass er ihnen mitunter aufgetragen hat, kleine Besorgungen zu machen, weil es für ihn in den letzten Lebensjahren beschwerlich geworden war, die Treppenstufen zu seiner Wohnung hinaufzusteigen.

Der »Cercle des amis et élèves de Maître Albert Leblanc« feierte Leblancs 80. Geburtstag mit der Herausgabe eines Teils seiner Kompositionen unter dem Titel Albert Leblanc – pièces pour orgue. Dazu machten sich einige Schüler (Charles Kerschenmeyer, Roger Weimerskirch, Paul Ulveling, Paul Lenert u.a.) nach Absprache mit dem Lehrer daran, die bis dahin weitgehend unveröffentlichten Noten für Orgel zu sortieren. Eine dankbare Arbeit für die Nachwelt, denn viele seiner Manuskripte enthalten weder Werktitel noch Seitenzahlen, einige sind nur fragmentarisch vorhanden. Leblanc selbst hatte in seiner bescheidenen Art die Manuskripte nicht für die Nachwelt »aufbereitet«. Auch die Bearbeitung seines Nachlasses, den die »Association pour le 100e anniversaire de la naissance d’Albert Leblanc« 2026 dem Cedom der Nationalbibliothek übergab, erfolgte auf der Basis dieser Vorsortierung. Zum 100. Geburtstag erschien eine CD-Box mit historischen Aufnahmen Leblancs zwischen 1945 und 1983.

»Stille Nacht« (Auszug aus: »Suite de Noëls«). - BnL, Cedom, Fonds Albert Leblanc, LMF 20 I.1.1.36.1.
Seite 1 von »Domine salvam fac« für Chor, Bariton-Solo und Orgel. - BnL, Cedom, Fonds Albert Leblanc, LMF 20 I.1.1.5.2.

Albert Leblanc war noch bis zum Herbst 1986 an seiner »Großen Haupt« in der Kathedrale zu hören. Am 6. Februar 1987 starb er im Krankenhaus Sacré-Coeur. Begraben wurde er im Familiengrab in Longlier, nahe Neufchâteau (B).

Für die »Kleine Haupt« wünschte sich Leblanc nach seinem Ableben einen Platz auf der Empore in der Glacis-Kapelle. Da diesem Wunsch aus statischen und räumlichen Gründen nicht entsprochen werden konnte, lagerte man sie zunächst provisorisch unter dem Parvis in der Kathedrale. Teils erdrückt vom Eigengewicht und stellenweise beschädigt von der Witterung, wurde sie mit der Zeit mehr lästiges Gerät als Wertobjekt. Schließlich fand sie dank Serge Tani, einem ehemaligen Schüler Leblancs, in dessen Privathaus in Moutfort eine neue Heimat: Tani beauftrage 1999 den englischen Orgelbauer Peter Wood & Son mit der Konstruktion einer neuen Orgel mit Integration gut erhaltener Teile von Albert Leblancs »Kleinen Haupt«.

An der »Großen Haupt«, die 2022 von der österreichischen Orgelfirma Rieger restauriert und erweitert wurde, nahm nach Leblancs Tod Carlo Hommel Platz; seit 2006 ist Paul Breisch Titularorganist an der Kathedrale Notre-Dame.

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