Flucht und Migration in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur
Deutschsprachige literarische Texte, die Flucht und Migration im Kontext historischer und soziopolitischer Konstellationen verhandeln, haben in den vergangenen Jahrzehnten erheblich an Bedeutung gewonnen. Migration erscheint dabei als komplexes Phänomen, dessen Ursachen in Krieg, Gewalt, Naturkatastrophen, struktureller Armut, Diskriminierung oder politischer Verfolgung liegen können. Sie bezeichnet nicht lediglich einen Ortswechsel, sondern häufig eine tiefgreifende Erschütterung persönlicher und kultureller Identität – verbunden mit Erfahrungen von Ausgrenzung, Heimatlosigkeit und Identitätsverlust.
Literatur macht diese Erlebnisse sichtbar, indem sie Grenzerfahrungen, kulturelle Differenz, Fremdheit, Sprachbarrieren und Identitätskonflikte ästhetisch reflektiert und narrativ verdichtet. In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist dabei ein markanter Paradigmenwechsel zu beobachten: Was lange Zeit als Randerscheinung unter Bezeichnungen wie „Gastarbeiterliteratur“ oder „Migrantenliteratur“ geführt wurde, hat sich zu einem zentralen Feld innovativer literarischer Produktion entwickelt. Seit den 1980er-Jahren haben sich die Begriffe gewandelt – von der zunächst selbstbewusst verwendeten „Gastarbeiterliteratur“ über „Migrationsliteratur“ bis hin zu Konzepten wie „interkulturelle“ oder „transkulturelle“ Literatur. Gleichwohl ist die Problematik herkunftsbezogener Zuschreibungen damit keineswegs vollständig überwunden.
Diese terminologischen Verschiebungen verweisen auf eine Literatur im Wandel, die Identität nicht als statische Größe, sondern als dynamischen Aushandlungsprozess in einer globalisierten, von Migration geprägten Welt versteht. Neben Werken der ersten Generation, die Ankunftssituationen und Kulturschock thematisieren, tritt zunehmend eine postmigrantische Folgegeneration hervor, die Hybridität sowie inter- und transkulturelle Identitätsentwürfe in den Mittelpunkt stellt.
Die folgende Leseliste versammelt eine Auswahl autobiografisch geprägter Werke deutschsprachiger Autorinnen und Autoren, die diese Entwicklungen exemplarisch veranschaulichen. Ergänzend erweitern ein Dokumentar- und ein Spielfilm die Perspektive und verdeutlichen die mediale Spannweite des Themas.
Wer wir sind
Lena Gorelik
Lena Goreliks autobiografischer Roman Wer wir sind erzählt eindringlich von Entwurzelung, Migration und dem beharrlichen Ringen um Zugehörigkeit. 1992 kommt Lena als Elfjährige mit ihrer Familie aus Sankt Petersburg nach Deutschland – als jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion. Die Eltern, einst Ingenieure in Russland, die Großmutter, frühere Leiterin einer Textilfabrik, und der Bruder müssen erfahren, dass ihre beruflichen Qualifikationen in Deutschland nicht anerkannt werden. Fortan schlagen sich die Eltern mit Zeitarbeit und Gelegenheitsjobs durch, während die Familie zunächst in überfüllten Asylunterkünften lebt. Das Geruchsgemisch aus Bratfett, Schimmel, Angst und Verzweiflung, das diese Baracken durchzieht, bleibt Lena unauslöschlich im Gedächtnis.
Der Roman zeichnet eindrucksvoll die vielfältigen Formen von Fremdheit und Ausgrenzung nach: In der Schule ist Lena Mobbing und Demütigungen wegen ihrer Kleidung und ihres Außenseiterstatus ausgesetzt. Am schwersten jedoch wiegt die Scham, die sie ihren Eltern gegenüber empfindet – für ihr schlechtes Deutsch, ihre Unbeholfenheit im Umgang mit deutschen Behörden und für die entbehrungsreiche Aufopferung, mit der sie ihrer Tochter eine bessere Zukunft zu ermöglichen suchen.
Episodisch aufgebaut, mit Zeitsprüngen, Ortswechseln und lose gefügten Szenen, entfaltet der Roman nach und nach ein vielschichtiges Bild des Familienlebens und der Ankunft in Deutschland. Sprache spielt dabei eine zentrale Rolle: Russisch bleibt für Lena die Sprache der Herkunft und der Gefühle, Deutsch die der neuen Identität. Dieses Nebeneinander spiegelt das Ringen mit der Mehrfach-Identität und um das Finden von Heimat wider.
Gorelik erzählt mutig, bisweilen zornig, oft melancholisch. Mit eindringlichen Bildern und sprachlicher Präzision entwirft sie das Psychogramm einer Familie, das zeigt, wie Identität gerade im Zwiespalt von Stolz und Scham, Eigensinn und Anpassung, Fremdheit und Zugehörigkeit Gestalt annimmt.
In der Fremde sprechen die Bäume arabisch
Usama Al Shahmani
Usama Al Shahmani war im Irak unter Saddam Husseins diktatorischem Regime als Schriftsteller tätig, bevor er 2002 aufgrund eines regimekritischen Theaterstücks fliehen musste und in die Schweiz gelangte. In seinem Roman verarbeitet er diese biografische Erfahrung und verknüpft sie mit der schmerzhaften Suche nach seinem im Irak verschwundenen Bruder Ali sowie dem schwierigen Ankommen in der neuen Heimat. Zugleich verbindet der Text die individuelle Lebensgeschichte der beiden Brüder mit den politischen Umbrüchen des Irak – von den Golfkriegen über die amerikanische Besatzung bis in die Gegenwart.
Die Fremde erscheint zunächst als Raum kultureller Irritationen und administrativer Barrieren, doch eröffnet sich dem Ich-Erzähler durch das Wandern ein unerwarteter Zugang zur schweizerischen Lebenswelt. Was ihm zu Beginn fremd erscheint – das Bedürfnis, Landschaften zu Fuß zu erkunden –, wird allmählich zu einer Quelle von Halt, Orientierung und Zugehörigkeit. Die Natur fungiert dabei als Medium ohne sprachliche Hürden und bietet einen Ort, an dem sich der Erzähler angenommen fühlt.
In der Fremde sprechen die Bäume arabisch ist somit nicht nur ein eindringlicher Bericht über Exil und kulturelle Aushandlungsprozesse, sondern auch eine Reflexion über die Natur als universalen Zufluchtsort, der hilft, Vergangenheit, Gegenwart und Identität neu zu ordnen.
Herkunft
Saša Stanišić
In Herkunft widmet sich Saša Stanišić der Frage „Woher komme ich?“ – ausgehend von seiner eigenen Familiengeschichte und den Erfahrungen einer Kindheit zwischen Flucht, Migration und Neubeginn. Geboren 1978 in Višegrad im ehemaligen Jugoslawien, flieht er 1992 mit seiner Mutter nach Deutschland; sein Vater und seine Großeltern folgen später. Episodisch-nichtlinear erzählt Stanišić vom Leben in Heidelberg, den sprachlichen und kulturellen Herausforderungen, von ersten literarischen Gehversuchen und von der Zerrissenheit zwischen seiner alten und seiner neuen Heimat.
Der Roman verbindet autobiografische Erinnerungen mit kunstvoll inszenierter Prosa: Stanišić unterläuft die vermeintliche Authentizität des Erinnerns, inszeniert sich teils als unzuverlässiger Erzähler, springt zwischen Ich- und Du-Perspektiven, mischt märchenhafte und magische Elemente in seinen Text und spielt virtuos mit Sprache, Klang und Humor. Besonders eindrucksvoll sind die Szenen mit seiner Großmutter Kristina, deren fortschreitende Demenz bruchstückhafte Erinnerungen liefert und zugleich die Fragilität von Erinnerung und Identität thematisiert.
Herkunft reflektiert auf vielschichtige Weise Herkunft, Familie, Erinnerung und Sprache, ohne die erzählerische Leichtigkeit und den feinen Humor zu verlieren, die den charakteristischen Ton des Autors ausmachen.
Ein von Schatten begrenzter Raum
Emine Sevgi Özdamar
Emine Sevgi Özdamar erzählt in ihrem Roman von ihrer Emigration aus der Türkei nach dem Militärputsch von 1971. Als junge Schauspielerin verlässt sie ihr Heimatland und arbeitet später in Berlin, Paris, Bochum und Frankfurt mit Regisseuren wie Claus Peymann, Benno Besson und Matthias Langhoff zusammen. Im Zentrum steht die Erzählerin Min, deren Lebensdaten eng mit denen der Autorin verwoben sind; doch die Ich-Erzählerin wechselt kontinuierlich zwischen autobiografischer Erinnerung und literarischer Inszenierung.
Der Text spannt einen Bogen zwischen der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts und den Krisen der Gegenwart. Während Min sich aus der repressiven Türkei in die europäische Theaterwelt rettet, bleibt sie von historischen Schatten umgeben: Berlin erscheint ihr als zerbombtes Grabmal Draculas, Kolleginnen und Kollegen ringen mit dem Erbe ihrer Nazi-Väter, die Eltern ihrer jüdisch-griechischen Freundin Efterpi wurden im Holocaust ermordet, und in Paris ahnt sie die islamistischen Anschläge voraus, die Jahrzehnte später das Bataclan treffen werden.
Immer wieder bricht die Parallelrealität Istanbuls in die Erzählung ein. Die Türkei der späten 1970er-Jahre erscheint als instabile Demokratie, die progressive Kräfte brutal unterdrückt und auf eine nationalistische Militärdiktatur zusteuert. Auf einer kleinen türkischen Insel stößt Min auf die Spuren einer ethnisch und religiös pluralen Vergangenheit, die durch den Genozid an den Armeniern und den griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch ausgelöscht wurde. In der halb zerstörten orthodoxen Kirche der Insel erwachen Stimmen aus dem Ersten Weltkrieg – griechische, deutsche, armenische und türkische – für einen Moment wieder zum Leben.
Der Roman kreist um Özdamars zentrales Lebensthema: den Spagat zwischen geografischer Heimatlosigkeit und einem Beheimatetsein in der Kunst. Dabei findet die Autorin eine schwebende Balance zwischen den fantastischen Möglichkeiten des Theaters, einem bohèmehaften Lebensgefühl und einer politischen Anklage, die das gesamte Buch durchzieht.
Mama Odessa
Maxim Biller
In Mama Odessa erzählt Maxim Biller eine eindringliche Mutter-Sohn-Geschichte, die mit einem alten, nie abgeschickten Brief der Mutter beginnt. Aus dieser verspäteten Botschaft entfaltet sich eine Familiensaga zwischen Odessa, Hamburg und Tel Aviv, die die politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts und insbesondere das Schicksal der europäischen Juden reflektiert.
Der Ich-Erzähler Mischa schildert das Leben seiner Mutter: ihr Überleben im Krieg, die Flucht nach Westen, die Emigration der Familie Grinbaum in den 1970er-Jahren und ihr lebenslanges Gefühl, im falschen Land zu leben. Es entsteht das Porträt einer Frau, die zur Schriftstellerin berufen war, es aber zu spät wurde, um es wirklich zu sein – einer Frau, die schon im Krieg Bücher verschenkte, später im deutschen Alltag unermüdlich schrieb und dabei allmählich verstummte. Leicht verfremdet erzählt Biller die Lebensgeschichte seiner Mutter Rada Biller.
Das Buch ist auch eine schmerzhafte Liebeserklärung an eine starke und zugleich verletzliche Frau, deren ungelebtes Leben vom Verlust der Heimat überschattet ist. Gleichzeitig reflektiert der Text den Sohn selbst: seinen Weg zum Schriftsteller, sein Ringen mit Hass und dem „bösen Blick“, der ihn davor bewahren soll, ebenso verwundet, verunsichert und lebensgestört zu werden wie seine Mutter.
In den kursiv gesetzten Passagen spricht Rada Biller selbst; diese Erzählungen seiner Mutter greift ihr Sohn Maxim auf, schreibt sie fort und führt damit den Erzählfaden der Familientradition weiter.
Der Erinnerungsfälscher
Abbas Khider
Abbas Khiders Roman Der Erinnerungsfälscher erzählt die Geschichte von Said Al-Wahid, eines irakischen Schriftstellers, der nach seiner Flucht aus dem Irak in Berlin lebt. Dort gründet er eine Familie, fühlt sich jedoch weder seiner alten Heimat noch seinem neuen Umfeld wirklich zugehörig. Als ihn die Nachricht erreicht, dass seine Mutter in Bagdad im Sterben liegt, macht er sich auf den Weg zurück in den Irak – in der Hoffnung, sie ein letztes Mal zu sehen.
Diese Reise weckt Erinnerungen an seine Flucht, an den Alltag in Deutschland mit Rassismus und Marginalisierung sowie an den Verlust seiner Familie. Doch Saids Erinnerungen sind bruchstückhaft: Ganze Zeiträume fehlen, andere erscheinen verzerrt oder widersprüchlich. Anstatt sich dem schmerzhaften Erinnern zu stellen, beginnt er, Lücken mit Erdachtem zu füllen. So entsteht ein Spiel zwischen Realität und Fiktion, in dem Said bald selbst nicht mehr sicher sagen kann, was wirklich geschehen ist.
Khider macht diese Unsicherheit zum Prinzip seines Romans. Der Erinnerungsfälscher zeigt eindringlich, wie Erinnerung entsteht, wie sie verfälscht werden kann – und wie Literatur aus diesem Schwebezustand zwischen Realität und Erfindung hervorgeht. Gleichzeitig gelingt es Khider, die tiefen Spuren von Krieg, Folter und Verlust ebenso spürbar zu machen wie die Absurdität und Komik des Lebens im Exil. Der Roman ist schlicht, aber von großer Wirkung: Er zeigt, wie biografische Erfahrung und Fiktion ineinandergreifen und wie Literatur zu einem Ort des Überlebens und der Selbstvergewisserung wird.
Unser Deutschlandmärchen
Dinçer Güçyeter
Dinçer Güçyeter widmet sich in seinem Buch der eigenen Familiengeschichte, deren Wurzeln bis ins Anatolien des frühen 20. Jahrhunderts zurückreichen. Zentrale Stimmen des Werks sind die der Mutter Fatma und des Sohnes Dinçer. Beide Perspektiven ermöglichen Einblicke in das Leben einer Gastarbeiterfamilie in Deutschland, wobei insbesondere die alltäglichen Herausforderungen, Arbeitsbedingungen und Orientierungsschwierigkeiten in einer fremden sozialen und kulturellen Umgebung thematisiert werden. Das migrantische Schicksal wird dabei vor allem aus der Sicht der Mutter vermittelt, einer pragmatischen und erfahrenen Frau, deren Handeln konsequent auf das Wohlergehen der Familie ausgerichtet ist.
Güçyeter reflektiert über das Aufwachsen in einem Spannungsfeld widersprüchlicher Normen, die Suche nach einer eigenen sprachlichen Ausdrucksform, die generationenübergreifende Konstruktion von Heimat sowie die Überschreitung von Grenzen, die durch Herkunft, soziale Klasse und Geschlechterrollen vorgegeben werden.
Die Sprache ist melodisch und poetisch. Monologe, Gebete, Träume und bildhafte Passagen strukturieren den Text und vertiefen die narrative Perspektive. Ergänzend werden zahlreiche Fotografien aus dem Familienarchiv eingebunden, die die Erzählung um eine visuelle Dimension erweitern. An Unser Deutschlandmärchen arbeitete Güçyeter über einen Zeitraum von zehn Jahren.
Radio Sarajevo
Tijan Sila
Tijan Silas Roman Radio Sarajevo ist ein literarisch verdichtetes Erinnerungsbuch, in dem der Autor die dunkelsten Jahre seiner Kindheit thematisiert: die Belagerung Sarajevos während des Bosnienkriegs. Der junge Protagonist wächst in Sarajevo auf und ist etwa elf Jahre alt, als 1992 der Krieg ausbricht. Die Stadt wird von bosnisch-serbischen Truppen und Teilen der jugoslawischen Volksarmee belagert – Strom, Wasser, Telefon und Heizung fallen aus, Nahrung wird knapp, Dauerbeschuss bestimmt den Alltag. In dieser Extremsituation verlernt das Kind das Weinen und seine einzige Verbindung zur Außenwelt wird ein kleines rotes Radio: Dessen wechselnde Frequenzen spiegeln die fragmentarisch-impressionistische Erzählweise des Textes.
Der Krieg verändert nicht nur den Alltag, sondern auch die Wahrnehmung der Welt und die kindliche Psyche. Neben dem unmittelbaren Überlebenskampf erlebt Tijan auch den Beginn seiner Pubertät und muss Konflikte innerhalb seines Freundeskreises bewältigen. Zu Beginn des Dauerbeschusses ziehen die Familien zunächst Schutz suchend in die Keller ihrer Hochhäuser, kehren aber bald wieder in ihre Wohnungen zurück – ein Gewöhnungseffekt setzt ein und man lebt mit dem ständigen Risiko.
Radio Sarajevo erzählt schnell, packend und episodenhaft, der Text wird von einem unaufhörlichen Grundrauschen der Gewalt begleitet. So vermittelt der Roman eine erschütternde Ahnung davon, welche psychischen Verheerungen Krieg und Flucht in Familien anrichten.
Mehr Meer. Erinnerungspassagen
Ilma Rakusa
Mit Mehr Meer legt Ilma Rakusa ein Erinnerungsbuch über eine Kindheit und Jugend in einem Mitteleuropa vor, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg politisch und kulturell neu formiert hat. 1946 als Tochter eines slowenischen Vaters und einer ungarischen Mutter im slowakisch-ungarischen Rimaszombat geboren, wächst sie in Budapest, Ljubljana und Triest auf, bevor die Familie 1951 nach Zürich emigriert. Später führen Studium und Reisen sie nach Paris und ins sowjetische Leningrad – ein Lebensweg zwischen Ost und West, geprägt von permanenter Bewegung und nie ganz eingelöster Zugehörigkeit.
Diese Erfahrung spiegelt sich in der Form des Buches. Die 69 kurzen „Erinnerungspassagen“ fügen sich nicht zu einem geschlossenen Kontinuum, sondern lagern sich als Szenen, Dialoge, Gedichte und Impressionen aneinander. Im Zentrum steht das Atmosphärische: Orte werden nicht scharf umrissen, sondern synästhetisch in Bildern, Klängen und Stimmungen erfahrbar gemacht.
Rakusa erinnert sich mit allen Sinnen. Der scharfe Geruch von Braunkohle in den Städten des Ostens steht neben dem milden Duft der von Sand, Salz und wilden Kräutern geschwängerten Luft des südlichen Meeres. Im Ohr rattern Güterzüge nahe der Dachwohnung, Orgelklänge hallen aus der Pariser Kirche Saint-Séverin nach. Die Erinnerung an Orte ist dabei stets auch mit Literatur verknüpft – besonders lebendig in den Rezitationen der Leningrader Freunde, die Gedichte aus dem Gedächtnis vortrugen.
Unsentimental, präzise und doch zugleich mit großer Sinnlichkeit nähert sich Rakusa ihren frühen Jahren. Heimat findet das ständig reisende Kind in der Musik, im Klavierspielen, in der Literatur – früh etwa mit der Entdeckung Dostojewskijs –, aber auch im Unterwegssein und im Reisen. Mehr Meer ist ein sprachlich sensibles Buch über Erinnerung, Fremdheit und über die Fähigkeit der Sprache, Vergangenes so lebendig hervortreten zu lassen, als wäre es Gegenwart.
Außer sich
Sahsa Marianna Salzmann
In ihrem autobiografisch geprägten Debütroman erzählt die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann die über vier Generationen reichende Geschichte einer jüdischen Familie aus dem postsowjetischen Russland und ihrer Migration nach Deutschland in den 1990er-Jahren. Im Zentrum steht Ali, die in Istanbul nach ihrem 2013 verschwundenen Zwillingsbruder Anton sucht und dabei zu ihrer eigenen Transgender-Identität findet.
Die Reise nach Istanbul wird zu einem Schlüsselerlebnis, nach dem Ali sich intensiv mit ihrer Familiengeschichte auseinandersetzt. Ihre Spurensuche führt von Odessa über Czernowitz, Grosny, Wolgograd und Moskau bis nach Deutschland, beleuchtet jüdisches Leben in der Sowjetunion und thematisiert Sozialismus, Antisemitismus und Migration.
Der Roman widmet sich auf mehreren Ebenen der Konstruktion individueller und kollektiver Identität. Alis Suche nach Herkunft, Heimat, Geschlecht und Sprache – unterstrichen durch russische und jiddische Einschübe im deutschen Text – macht das identitätsstiftende Erzählen selbst zum Thema. Der lebendige, mehrsprachige Text zieht den Leser dabei mitten hinein in Salzmanns vielschichtiges Porträt der Generationen.
Zentralflughafen THF
Regie Karim Aïnouz
In einer ruhigen Erzählung und ästhetisch klaren Bildern, nimmt sich Regisseur Karim Aïnouz Zeit, die Atmosphäre in den Hangars des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof einzufangen, der 2015 zu einer Notunterkunft für Geflüchtete umfunktioniert wurde. Zeit ist etwas, was die Bewohner dort zur Genüge haben – sie kommt mit Ungewissheit, Geduld und Langeweile, die sich gegenseitig bedingen. Chronologisch strukturiert, schaut der Film auf das, was passiert und was nicht, auf das Nebeneinander und Miteinander im Alltag dieser Aufnahmestruktur, die für Tausende von der temporären Zwischenstation zum Dauerprovisorium wird. Spürbar ziehen die Jahreszeiten draußen vorbei und die Jogger auf dem Tempelhofer Feld, während sich im Mikrokosmos drinnen ein Rhythmus des immer Gleichen abspielt.
Begleitet werden wir durch die Präsenz des jungen Erwachsenen Ibrahim – der im Laufe der Dokumentation seinen zweiten Geburtstag in Tempelhof feiert – und seine Tagebucheinträge von Erinnerungen an Syrien, an seine Familie dort und seine Hoffnungen. Er ermöglicht es Aïnouz, nicht eine anonyme Masse darzustellen, sondern einen humanistischen Blick zu wählen auf Menschen in einer Krisensituation – fern von politischen Diskursen.
Karim Aïnouz (*1966) ist ein brasilianisch-algerisch-französischer Filmregisseur, Drehbuchautor und bildender Künstler; er lebt heute in Berlin. Der Film spiegelt auch seine biografischen Erfahrungen, die er mit Migration machte. Die DVD enthält Interviews mit ihm, Ibahim und einem weiteren Protagonisten.
Der Film wurde bei der Berlinale 2018 mit dem Amnesty International Film Award ausgezeichnet.
Gegen die Wand
Buch und Regie Fatih Akin
Er trinkt zu viel. Sie möchte der Enge der traditionellen Familiendynamik entfliehen. Durch die Strategie, die beide zum Ausstieg wählen – einen Suizidversuch – lernen Cahit (Birol Ünel) und Sibel (Sibel Kekilli) sich kennen. Sie gehen eine Scheinehe ein, die Sibel die Möglichkeit gibt, das System zu täuschen und von ihm doch akzeptiert zu werden.
Getragen von der Energie der Hauptfiguren entwickelt sich die Geschichte um sie herum ungebremst. Während sein Antrieb zur Selbstzerstörung in Wut, Schmerz und Desillusion liegt, schöpft sie ihre Kraft aus einer starken Sehnsucht nach Freiheit – und lebt diese in ihrer eigenen Interpretation in der offenen Ehe aus. Es wird mehr gelebt als ausgesprochen; wir folgen den beiden von Impuls zu Impuls. In der Stimmungskurve ist kein Platz für Grauzonen: Der Umgang ist rau und ungezügelt, die Atmosphäre trostlos, und doch entwickelt sich hier eine Nähe, die aus dem Film eine Liebesgeschichte macht. Wobei das Gefühl hier nicht unbedingt romantisch ausgelegt wird, sondern als konstruktives und destruktives Element zugleich erscheint.
Vor dem Hintergrund der intensiven Geschichte, die sich in Hamburg und Istanbul abspielt, verhandelt Regisseur Fatih Akin Themen wie Identität, Herkunft und Tradition im Generationenkonflikt. Bei der Berlinale 2004 gewann der Film den Goldenen Bären.
Die DVD enthält Bonusmaterial wie ein Interview mit Fatih Akin, ein Making-of sowie gelöschte Szenen.
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