Ein Leben für die »Quetschkëscht«

Der Akkordeonist und Musikpädagoge Albert Moes

Musikbestand des Cedom

Elisabet Wirtz-Lemmel

Der Luxemburger Albert Moes (1908–1982) gründete in den 1930er-Jahren eine Reihe von Akkordeonorchestern und war 50 Jahre lang als Lehrer tätig. Er bildete hunderte Schüler im Akkordeonspiel aus und verhalf dadurch dem Instrument in einer Zeit, in der Radio und Schallplattenspieler noch nicht überall verfügbar waren, zu Beliebtheit. Moes komponierte Akkordeonstücke für den Unterricht sowie die Operette Meng kleng Harmonikaspillerin.

Ambitionen als Musiklehrer hegte der am 31. Juli 1908 in Differdingen geborene Albert Moes bereits mit 19 Jahren. Im Kaffeehaus seines Vaters in Differdingen bot er Klavier-, Geigen- und Heimorgelunterricht an.

Escher Tageblatt, 1927. Jg., nº 277 (21.09.1927), S. 4.

Des Akkordeonspiels mächtig war Moes zu der Zeit noch nicht, denn das Instrument wurde am hauptstädtischen Konservatorium, wo er seine musikalische Ausbildung erhalten hatte, noch nicht unterrichtet. In den 1920er-Jahren war das Akkordeon in Luxemburg noch kaum verbreitet – im Gegensatz zu Belgien, wo sich das Instrument bereits Ende des 19. Jahrhunderts an Beliebtheit erfreute. Man kann annehmen, dass der 15-jährige Albert Moes im Publikum saß, als der belgische Akkordeonvirtuose Henriot Bastien 1925 in Differdingen ein Konzert gab. Jedenfalls beginnt Moes um diese Zeit beim belgischen Akkordeonisten Emile van Herck Unterricht zu nehmen. Als ausgebildeter Pianist macht Moes auf dem Instrument schnell Fortschritte und ist mit seiner ›Quetschkëscht‹ bereits 1935 in Radio Luxemburg zu hören. Im selben Jahr bietet er auch erstmals Ziehharmonikaunterricht an.

Moes ist aber nicht der einzige Musikpädagoge, der Akkordeonunterricht erteilt. Auch der Organist und Akkordeonist Arthur Steichen (1912-1998), zeitweilig Schüler von Moes und bekannt durch seine Musikalienhandlung, wirbt um Schüler. 

Steichen erteilt Einzelunterricht und dirigiert das Akkordeonorchester der bereits 1933 von Jean Hary gegründeten Société des accordéonistes mit Sitz im Café Simon am Knuedler. Sein Konkurrent Albert Moes, gründet 1937 die fast gleichnamige und somit zu Verwechslungen führende Société des accordéonistes de Luxembourg, 1938 die Société des accordéonistes Esch/Alzette und 1939 den Akkordeon-Verein in Düdelingen. Sein attraktives Unterrichtskonzept bestand darin, alle Schüler von Anfang an im Gruppenunterricht, also in einem Akkordeonorchester, zeitweise sogar gratis zu unterrichten und zusätzlichen kostenpflichtigen Einzelunterricht anzubieten. Schnell fand diese Methode Anklang, denn das Spiel im Akkordeonorchester stellt keine großen technischen Schwierigkeiten an den Spieler und erzielt sogleich ein schönes Klangerlebnis in der Gruppe. Jeder Spieler spielt nur mit der rechten Hand auf der Klaviatur, während die linke Hand – anstatt Bassknöpfe zu bedienen – lediglich das Instrument ›zieht‹. Den tiefen Orchesterklang übernimmt ein extra tief gestimmtes Akkordeon, das die Akkorde ebenfalls auf der Klaviatur spielt. Und so versichert Albert Moes in einer Annonce im Luxemburger Wort aus dem Jahr 1954: »Dank der neuen speziellen Methode kann man in 6-8 Monaten tadellos spielen.«

Tadellos spielen auch seine fortgeschrittenen Akkordeonorchester und Privatschüler, die bei Wettbewerben erste Preise erzielen, sei es auf nationaler Ebene bei den Grossen Akkordeon-Festtagen im Juni oder bei ausländischen Wettbewerben, in denen seine Schüler als Champion d’Europe und sogar als Champion du monde heimkehren, wobei allerdings bemerkt werden muss, dass bei diesen als global betitelten Akkordeon-Meisterschaften lediglich sechs Länder an den Start gingen: neben den Benelux-Staaten noch Frankreich, Deutschland und Italien.

Die »Société municipale des Accordéonistes de la Ville de Luxembourg« bei ihrem Auftritt bei den Europameisterschaften 1963 in Luxemburg. - BnL, Cedom, Fonds Albert et Romain Moes, LMF 18 III.4.2.1.

In zahlreichen Konzerten erfreuen die Akkordeonvereine das Publikum, was auch in der Besatzungszeit durch die Nationalsozialisten nicht aufhört, in der Moes mit seinen Schülern wiederholte Male für den NS-Verein Kraft durch Freude sowie für das Winterhilfswerk auftritt.

Der Wettstreit um die Vorherrschaft im Akkordeonunterricht in Luxemburg lässt sich in den Tageszeitungen verfolgen. Am 19. November 1938 schaltet Arthur Steichen ein Inserat im Luxemburger Wort, und nur fünf Tage später zieht Moes mit einem ganz ähnlichen nach. Auch für das Nikolausfest hat man eine Idee.

Auf Arthur Steichens Annonce sieht man seinen berühmtesten Schüler, den späteren Entertainer Carlo Bock (1933-2024) als fünfjährigen Akkordeonisten. Wie lange das Musikhaus Steichen existierte und wie lange Arthur Steichen unterrichtete, lässt sich nicht gänzlich feststellen. Dem Luxemburger Wort ist jedoch zu entnehmen, dass das Musikhaus nach einem Brand 1953 wieder renoviert wurde, sich hingegen 1961 ein anderes Geschäft an derselben Adresse befindet.

Fasziniert von den Darbietungen des deutschen Mundharmonikaspielers Hans Joachim Wernecke gründete Moes 1955 das Luxemburger Mundquintett Albert Moes.

Albert Moes (rechts) mit dem »Luxemburger Mundquintett«. - BnL, Cedom, Fonds Albert et Romain Moes, LMF 18 III.4.1.

Unter dem Namen Conservatoire d’Accordéon Albert Moes fasst Moes seine gesamte Unterrichtstätigkeit an den verschiedenen Orten zusammen. Bald betraut er auch eigene Schüler mit dem Unterrichten, sodass die Unterrichtsstandorte ausgeweitet wurden. 1977 gab Moes den Dirigentenstab der Société Municipale des Accordéonistes de la Ville de Luxembourg an seinen früheren Schüler Félix Hausemer ab. Als Moes am 13. Mai 1982 stirbt, wird der Unterricht privat weitergeführt, nicht aber der Name Conservatoire d’Accordéon Albert Moes. Im selben Jahr wurde das Akkordeon als Unterrichtsfach in die UGDA aufgenommen, 1992 in die Musikschule Diekirch, 1995 ins hauptstädtische Konservatorium und wenige Jahre später ins Konservatorium Esch/Alzette. 

Einer der erfolgreichsten Schüler von Albert Moes war sein eigener Sohn Romain, geboren am 28. April 1931 in Esch. So wie Albert Moes als Kind mit dem Klavier begonnen hat, setzt er auch seinen kleinen Sohn zuerst ans Piano. Anfangs gibt er ihm selbst Unterricht, später schickt er den Talentierten aufs hauptstädtische Konservatorium, wo er mit 16 Jahren den 1er prix avec distinction und 1950 das Brevet de virtuosité im Fach Klavier erhält. Aber Romains Zuhause ist auch die Société des accordéonistes Esch/Alzette, wo er Akkordeon lernt und 1951 die Leitung des Schülerorchesters übernimmt. Romain Moes war bereits einige Jahre Klavierstudent an der Musikhochschule Saarbrücken bei Walter Gieseking, als er am 12. Juli 1953 auf dem Weg dorthin mit seinem Auto tötlich verunglückt.

Marsch von Romain Moes. - BnL, Cedom, Fonds Albert et Romain Moes, LMF 18 I.2.2.

Von Romain Moes sind zwölf Kompositionen für Akkordeon im Nachlass enthalten, den die SMAL (Société Municipale des Accordénistes de Luxembourg) im Jahr 2025 ans Cedom in der Nationalbibliothek übergibt. 46 Kompositionen und sieben Arrangements stammen aus der Feder von Albert Moes, hauptsächlich Walzer, Märsche oder Tangos in verschiedenen Schwierigkeitsgraden für Unterricht und Wettbewerbe. Komponiert hat Albert Moes aber auch die zweiaktige Operette Meng kleng Harmonikaspillerin, die 1948 in Esch uraufgeführt wurde. Es handelt sich um ein Musiktheater für Akkordeonorchester mit 14 Akteuren, 13 Liedern und einem musikalischen Zwischenspiel. Auch der Text stammt von Albert Moes. Wiederaufgeführt wurde die Operette 1957 in Ettelbrück. Leider ist uns der Verbleib der Noten und des Librettos nicht bekannt.

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