Volkssprachen in den mittelalterlichen Handschriften der Nationalbibliothek Luxemburg

Handschriftensammlung

Max Schmitz

Volksprachliche mittelalterliche Handschriften sind ein seltenes Gut. Dieser Sachverhalt ist auf zwei Hauptfaktoren zurückzuführen. Einerseits liegt es an der geringen Überlebensrate mittelalterlicher Handschriften insgesamt. Zwar lässt sich die genaue Anzahl der hergestellten und der noch erhaltenen mittelalterlichen Handschriften nur schwer bestimmen, doch schätzt Buringh, dass im lateinischen Westen bis zum Jahr 1500 etwa sieben Millionen Handschriften produziert wurden, von denen nur noch ca. 700.000 erhalten sind.

Dies entspräche einem Überlieferungsverhältnis von rund 10 %, folglich wäre der überwiegende Teil der produzierten Handschriften zerstört worden. Andererseits ist der Anteil nichtlateinischer Handschriften am Gesamtkorpus sehr bescheiden. So gibt es beispielsweise im deutschsprachigen Raum einen Bestand von etwa rund 130.000 mittelalterlichen Handschriften, wovon mehr als die Hälfte aus dem 15. Jahrhundert stammt. Der „Handschriftencensus“ (HSC) beziffert die erhalten deutschsprachigen Handschriften und Fragmente aus dem Zeitraum von 750 bis 1520 auf ca. 26.000 Einheiten. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass diese nicht alle im deutschsprachigen Raum aufbewahrt werden. In der Bayerischen Staatsbibliothek befinden sich rund 16.000 mittelalterliche Handschriften und 3.600 Fragmente (insgesamt 19.600). Von diesen sind 2.130 (1.460+670) Textzeugen in deutscher Sprache. Grob könnte man also behaupten, dass nur etwa 10 % der Handschriften überlebt haben, wovon wiederum nur etwas mehr als 10 % nicht auf Latein sind. Das Forscherteam um Mike Kestemont und Folgert Karsdorp geht beispielsweise davon aus, dass rund 93 % der handschriftlichen Textzeugen verloren gegangen sind; im Fall der englischen Erzählliteratur sind es sogar fast 95 %.

In der Nationalbibliothek Luxemburg (BnL) sind volkssprachliche Handschriften aus dem Mittelalter eine noch größere Seltenheit. So verzeichnen die Datenbanken „HSC“ und „Jonas“ nur 13 deutschsprachige beziehungsweise acht französischsprachige Textzeugen in der BnL, obwohl 259 (176+83) lateinische und nichtlateinische Textzeugen in den beiden bereits erschienenen Handschriftenkatalogen der BnL (bis zum Jahr 1628) aufgeführt sind. Wenn diese Zahlen berücksichtigt werden, beträgt der Anteil nur 8,1 %. Würde man bei der Auswahl in „HSC“ und „Jonas“ nur die Vollhandschriften berücksichtigen, die ausschließlich in deutscher oder französischer Sprache verfasst sind, blieben lediglich drei Handschriften (BnL, Ms 28; 95; 860) übrig.

In der untenstehenden Auswahl wird die Präsenz der nichtlateinischen Sprachen in mittelalterlichen Textzeugen exemplarisch vorgestellt, um die bescheidene Bandbreite einem größeren Publikum bekannt zu machen. Diese ist allerdings sehr unterschiedlich ausgeprägt: In mehreren Fällen besitzt die BnL nicht einmal eine ganze Handschrift, sondern die betreffende Sprache wird nur durch ein Handschriftenfragment, einen Auszug oder eine Glosse dokumentiert. Unter den ausgewählten Stücken befinden sich teils bekannte Objekte wie der Codex Mariendalensis, teils weltbekannte Autoren wie Walther von der Vogelweide (*um 1170–†um 1230). Die vertretenen Sprachen reichen vom Moselfränkischen – quasi einer Vorstufe des Luxemburgischen –, über das Galizisch-Portugiesische bis hin zum Türkischen. In der kleinen Ausstellung in der BnL sind die Textzeugen chronologisch angeordnet. In sechs von sieben Fällen datieren sie ins Spätmittelalter (14.–15. Jahrhundert), was angesichts des Aufkommens vernakularer Handschriften in diesem Zeitraum nicht verwunderlich ist. Auch die Wahl des Beschreibstoffs folgt der allgemeinen Tendenz: Die ersten vier Stücke sind noch auf Pergament, die letzten drei bereits auf Papier geschrieben. Jedes Exponat wird kurz kommentiert. Um das Textverständnis zu erleichtern, sind in den meisten Fällen Auszüge aus Übersetzungen und Editionen beigefügt.

Die Beschreibungen der Textzeugen stammen aus den drei umfangreichen Handschriftenkatalogen (2009, 2017 und in Vorbereitung) von Thomas Falmagne.

Das erste Dokument der Auswahl ist eine Echternacher Handschrift (BnL, Ms 44) mit den Dialogi von Gregor dem Großen (*um 540–†604). Diese sind mit 25 interlinearen Glossen, die vermutlich in Echternach am Ende des 10. Jh. hinzugefügt wurden, versehen. Nur eine dieser Glossen ist in altenglischer Sprache verfasst. Wahrscheinlich hat der Echternacher Glossator den betreffenden Begriff falsch notiert: Im lateinischen Text ist die Rede von „papyrus“ im Sinne von Kerzendocht, doch er schreibt „taner“ anstatt „taper“ für „Docht“.

Glosse:
papirium = taner

Altenglische Glosse (?) (BnL, Ms 44, Bl. 25r)

Weitaus bekannter als diese Echternacher Handschrift ist die Leben der Gräfin Yolanda von Vianden-Handschrift (BnL, Ms 860), die zu den Prunkstücken der BnL zählt. In über 5.900 Reimpaar-Versen beschreibt Bruder Hermann das Leben der Yolanda von Vianden (†1283), darunter ihre beiden Klostereintritte. Überliefert ist nur eine einzige mittelalterliche Handschrift, die nun digitalisiert einsehbar ist. Sie ist auch eines der ältesten moselfränkischen Zeugnisse (Marienthal [?], 1. Viertel des 14. Jh.).

Textauszug (moderne deutsche Übersetzung):

Sie verachtete die Welt sehr,
so jung sie auch war.
Ein klarer Spiegel
wurde sie sogleich für alle guten Menschen;
sie hieß Yolanda.

Zu den germanischen Sprachen gehört auch das Niederländische. In der BnL ist diese Sprache nur sehr spärlich vertreten, u. a. durch zwei Pergamentstreifen (BnL, L.P. 7193), die eine frühe Abschrift des um 1330 entstandenen niederländischen Lehrgedichts Der leken spieghel (zu Deutsch: Der Laienspiegel) enthalten. Die Fragmente (Buch I, Kap. 44–45) enthalten, wie die Rubrik bezeugt, u. a. das Kapitel von Moses mit den Zehn Geboten. Vom Werk sind lediglich zwölf handschriftliche Textzeugen bekannt, vor allem Fragmente. 

Edition (Auszug):

Van moyses ende die .x. ghebode .xlv.
Alle dese riken die ic v
Hier bouen noemde nv
Die soe groet waren ende vermeten
Sijn langhe te nieute ghesleten

Jan van Boendale, Der leken spieghel (BnL, L.P. 7193)

Eine deutlich größere Distanz hat ein galizisch-portugiesischer Textzeuge (BnL, Ms 369/17) zurückgelegt. Genauer gesagt handelt es sich um ein Fragment einer spanischen Chronik (Crónica de Castela, Kap. 467–470) in galizisch-portugiesischer Übersetzung (Anfang des 15. Jh.). In dieser Chronik wird u. a. die Ehe von Alfons I., dem König von Aragonien (†1134), mit Urraca, der Königin von Kastilien und León (†1126) beschrieben. Der ehemalige Trägerband des Fragments gehörte zum Bestand der Areler Kapuzinerbibliothek. Wie dieses exotische Fragment in das Herzogtum Luxemburg gelangte, ist nicht bekannt.

Edition (Auszug):

Como el rey don Afonso de Arangon lidou coos castelãos e os vençeu
Conta a estoria que desque se pararon en aquel logar, pararon suas azes. E os castelãos pararon sas azes en esta maneyra: na primeyra aaz a syna da reyna, sua sennor, […]

Crónica de Castela (BnL, Ms 369/17)

Dem Leser dürfte das Werk von Walther von der Vogelweide geläufiger sein als diese Chronik. Er ist der berühmteste deutschsprachige Dichter des Mittelalters. Von seinem umfangreichen Werk sind allerdings nur vier Zeilen (Ton 58, I, Z. 1–4) in handschriftlicher Form in der BnL (BnL, Ms 40, Bl. 232v) erhalten. Interessanterweise ist ihr Thema die gewaltlose Kindererziehung, was für den Echternacher Kantor und Schreiber dieser Handschrift (Mitte des 15. Jh.) Konrad Nidenstein ein Bezugspunkt gewesen sein könnte.

Textauszug (moderne deutsche Übersetzung):

Niemand kann mit Stöcken
die Erziehung eines Kindes sichern.
Dem, den man an vorbildliches Leben heranführen kann,
erscheint ein Wort wie ein Schlag.

Die letzten beiden Textzeugen, die vorgestellt werden, sind weniger verbreitet als die Lyrik von Walther von der Vogelweide. Das um 1393 verfasste französische Werk Le Mesnagier de Paris (BnL, Ms 95) ist u. a. ein Hauswirtschaftsbuch für die junge Frau eines Pariser Bürgers. Darin enthalten ist beispielsweise ein Rezept für die Zubereitung von Eichhörnchen. Weltweit existieren nur vier Handschriften dieses Textes, von denen sich diese (4. Viertel des 15. Jh.) im Besitz eines Beraters von Kaiser Maximilian I. befand.

Textauszug (moderne französische Übersetzung):

Les écureuils doivent être écorchés, vidés et mis à tremper comme le lapin, puis être rôtis ou mis en pâté ; les manger à la cameline [= sauce à la cannelle] ou, en pâté, à la sauce de halbran [= jeune canard sauvage].

Für die meisten Benutzer der BnL dürfte es überraschend sein, dass diese auch eine mittelalterliche Handschrift mit türkischen Begriffen aufbewahrt. Auf das De Rhodes l’assault, wobei es sich um eine französische Übersetzung von Bernhard von Breydenbachs Peregrinatio in terram sanctam (1486) handelt, folgt ein französisch-türkisches Glossar. Die Handschrift BnL, Ms 28 (Nordostfrankreich-Champagne, Ende des 15. Jh.) ist der einzige bekannte handschriftliche Textzeuge von Nicole Le Huens Übersetzung mit diesem Glossar.

Partielle Transkription:

chef = ras [mod. Türkisch: baş]
front = sahala
cheveux = jhar [mod. Türkisch: saçlar]

Die ausgewählten Textzeugen zeigen einerseits, wie spärlich und selten die Volkssprachen in der BnL vertreten sind. Andererseits verdeutlichen sie die erwähnte Bandbreite der im Mittelalter in Luxemburg oder zumindest in den Niederlanden benutzten Sprachen.

▪ Eine Auswahl an Dokumenten zu diesem Thema ist in den Vitrinen vor dem Rara-Lesesaal im ersten Stock bis Ende Februar 2026 ausgestellt.

Quellen

  • Buringh Eltjo, Medieval Manuscript Production in the Latin West. Explorations with a Global Database, Leiden, 2011, S. 283.
  • Falmagne Thomas und Deitz Luc, Die Echternacher Handschriften bis zum Jahr 1628 in den Beständen der Bibliothèque nationale de Luxembourg […], Wiesbaden, 2009, Teil 1, S. 166, Abb. 81 und Teil 2, S. 158–161, 170–173 und 657.
  • Falmagne Thomas und Deitz Luc, Die Orvaler Handschriften bis zum Jahr 1628 in den Beständen der Bibliothèque nationale de Luxembourg […], Wiesbaden, 2017, Teil 1, S. 227 und Teil 2, S. 79–85.
  • Hilz Helmut, Geschichte des Buches. Von der Alten Welt bis zur Gegenwart, München, 2022, S. 39.
  • Kestemont Mike, Karsdorp Folgert (u. a.), „Forgotten books: The application of unseen species models to the survival of culture”, in Science 375 (2022), S. 765–769, hier 769.

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