Noch Licht im Haus : Gedichte & kurze Geschichten Klaus Merz

Nicht-luxemburgisch

Unsere Aufgabe bleibt / die Aufgabe. Ich / arbeite daran.

Das Motto, das Klaus Merz seinem neuen Band voranstellt, offenbart eine klare Hinwendung zum Schreiben: Das Suchen nach Sprache, Einfangen von Stimmungen, das Reflektieren darüber, das Schreiben und literarische Verdichten – in all dem sieht Merz seine Aufgabe. In über 70 Texten, aufgeteilt in sechs Abschnitte, gelingt es dem renommierten Schweizer Lyriker und Erzähler intensive Bilder zu schaffen und dabei in philosophische Tiefen vorzudringen.

Merz wählt vielfältige Zugänge zu seinen Texten. Besonders bemerkenswert sind die zehn Kurztexte mit dem Titel „Aus Hannover“, die auf Sozioprotokollen eines Seminars von Journalist und Hochschullehrer Wilfried Köpke basieren. Sie beziehen sich auf Lebensbeschreibungen, darunter die eines tingelnden Musikers, einer Kneipenwirtin, eines Drogenhändlers oder einer Friedhofsgärtnerin. In ihrer Mischung aus Lakonie und klugem Witz rufen sie eine beträchtliche Melancholie hervor.

Eine weitere bemerkenswerte Facette des Buches ist die Bearbeitung von Ignatz Anton von Weisers Libretto zu dem Singspiel „Die Schuldigkeit des ersten Gebots“, das der elfjährige W.A. Mozart vertont hat.

Merz‘ Gedichte und Kurztexte zeichnen sich durch Kargheit und Konzentration aus – kein Wort ist zu viel. Diese Verknappung entspringt dem Bedürfnis, nur das Notwendigste zu sagen. Schreiben bedeutet für ihn verdichten, dem einzelnen Wort den Raum zu geben, in dem es sich entfalten und nachhallen kann. Jedes Wort, jeder Begriff trägt eine Fülle an Klang, Farbe und Bedeutung in sich. Wörter und Dinge werden zu Bildern, die über sich hinausweisen. Die Verse sind leise, subtil, unerbittlich und zärtlich zugleich.

Klaus Merz vereint in seinem jüngsten Buch viele Elemente seines bisherigen poetischen Werkes: Natur, Erinnerungen, Auseinandersetzung mit Musik und Kunst, menschliche Erfahrungen, Sehnsüchte und Hoffnungen. Die Aktualität, wie der Krieg in der Ukraine, blitzt auf in alltäglichen Betrachtungen, bleibt jedoch stets in feinen Andeutungen verankert.

Der Band schlieβt mit zweifelnden Versen unter der Überschrift „Postskriptum“: „Zuweilen fällt es / mich an, von hinten: Nimm all / deine Wörter zurück.“ Hier offenbaren sich Reflexionen eines alternden Schriftstellers, den gelegentlich grundlegende Zweifel beschleichen und der das Erwägen eines Zurückkehrens in die Verschwiegenheit und Unsichtbarkeit andeutet.

Ein empfehlenswertes, schmales, formal wie inhaltlich reduziertes, aber umso gehaltvolleres Werk, das insbesondere jene Leser begeistern wird, die die Kunst des langsamen und genauen Lesens schätzen.

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