Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute
Steffen Martus
Steffen Martus unternimmt in Erzählte Welt den Versuch, die Literaturgeschichte seit 1989 als Gesellschaftsgeschichte zu erzählen. In 52 thematischen Kapiteln entfaltet er ein Panorama der literarischen Debatten der letzten Jahrzehnte und bezieht dabei neben Texten und Autorinnen und Autoren auch die Literaturrezeption, den Literaturbetrieb sowie dessen Strömungen und ökonomischen Logiken mit ein.
Ausgangspunkt ist der 4. November 1989, als auf dem Berliner Alexanderplatz Hunderttausende demonstrierten und Schriftsteller als gesellschaftliche Stimmen hervortraten. Von hier aus verfolgt Martus, wie das vereinigte Deutschland und seine Literatur ihre neue Rolle suchten und auf das Ende des Kalten Krieges mit unterschiedlichen kulturellen und ästhetischen Positionen reagierten.
Zentral ist die Unterscheidung zwischen „heroischer“ und „postheroischer“ Literatur, anhand derer Martus ein breites Spektrum literarischer Positionen analysiert – von Reinhard Jirgl und Georg Klein über Rainald Goetz bis hin zu Wolfgang Herrndorf, Juli Zeh und Leif Randt sowie jüngeren Stimmen wie Fatma Aydemir und Ronya Othmann im Kontext von Migration und ästhetischen Grenzverschiebungen.
Die Popliteratur deutet er als Ausdruck des gesellschaftlichen Wandels der 1990er Jahre, während er Phänomene wie das New-Adult-Genre in einer „postnormalen“ Gegenwart verortet, die verstärkt Formen der Selbstpositionierung verlangt. Besonderes Gewicht erhalten schließlich die Veränderungen seit etwa 2010: Digitalisierung, Plattformen wie Amazon und neue Literaturgenres verändern Produktion, Vertrieb und Publikum grundlegend.
Das Buch endet symbolisch mit der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2022 an Kim de l’Horizon für den Roman Blutbuch – und mit dem Blick auf eine Gegenwart, in der sich Literatur zwischen Markt, Öffentlichkeit und einem neuen Lesepublikum zunehmend neu formiert.
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