«Leni Riefenstahl – Ihr Traum von Afrika ist das Porträt ihrer letzten Reise in den Sudan, die die damals 98-jährige Künstlerin unternahm, um noch einmal die Stämme zu besuchen, bei denen sie Jahrzehnte zuvor eine zweite Heimat gefunden hatte. In den 60er- und 70er-Jahren war Leni Riefenstahl mehrmals in die entlegensten Winkel des afrikanischen Staates gereist und hatte dort mit Genehmigung der Behörden teilweise monatelang bei den Nuba-Stämmen gelebt. Ihre in den 70er-Jahren veröffentlichten Fotobände über die Nuba und später dann über die Nuba von Kau haben weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt und sie als eine der großen, aber auch sehr kontrovers diskutierten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts etabliert. Mehr als ein Vierteljahrhundert liegt zwischen der von Ray Müller dokumentierten Reise und Leni Riefenstahls letztem vorherigen Besuch bei den Naturvölkern. In dieser Zeit ist das Land von einem überaus grausamen Bürgerkrieg zerrissen worden, in dessen Verlauf die Nuba-Stämme zwischen die Fronten geraten sind. Zudem hat die Regierung die Stämme, an deren archaischem Lebensstil sich seit Jahrhunderten nichts verändert hatte, seither zwangszivilisiert, sodass sie ihre kulturelle Identität weit gehend verloren haben. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen wird Müllers Film zu einem hochaktuellen Dokument, das viel über die tragische Geschichte des postkolonialen Afrikas verrät.
Stilistisch ist Ray Müller so weit von Leni Riefenstahl entfernt wie dies nur möglich ist. Während in Riefenstahls Filmen die Oberfläche, das reine Bild, alles ist, wirkt die Inszenierung von Leni Riefenstahl – Ihr Traum von Afrika geradezu nachlässig. Statt der genau komponierten Bilder ihrer Dokumentationen erwarten den Zuschauer hier spontane, allem Anschein nach "uninszenierte" Aufnahmen einer Reise, die eine alltägliche Wirklichkeit einfangen sollen. Es ist dieser Kontrast in den Arbeitsweisen von Müller und Riefenstahl, aus dem sich die vielsagendste Szene des Films entwickelt. In einem Moment der Trauer und der Wut richtet sich Leni Riefenstahls ganzer Zorn auf Müller und sein Team. Sie haben ihrer Meinung nach die Situation nicht richtig eingefangen. Während sich Müller in diesem Augenblick einfach nur in Zurückhaltung geübt hat und damit einen enormen Respekt vor menschlichen Gefühlen beweist, ist Leni Riefenstahl auch mit fast 100 Jahren noch immer eine Filmemacherin, der alles Menschliche fremd ist.»
Leni Riefenstahl, ein Traum von Afrika [Film] = Leni Riefenstahl im Sudan
von Ray Müller