Motorengeheul am Findel

Zum ersten Sportrennfahren in Luxemburg 1939

Von Claude D. Conter

 

Es war das Sportereignis des Jahres 1939 schlechthin. Anlässlich der Zentenarfeier zur Unabhängigkeit des Landes organisierte der 1932 gegründete Nouvel Automobile Club du Grand-Duché de Luxembourg (NACL) am 4. Juni ein Autosportrennen für 4.5-Liter bzw. 3.0-Liter Sportwagen mit oder ohne Kompressor auf der zu diesem Zweck erstmals abgesteckten Rundstrecke von Findel – Neudorf – Kaltgesbrücke – Findel. Die Sportkommission des NACL unter der Leitung des Barons August von Tornaco blickte im Jahrbuch 1939-1940 selbstbewusst auf das Ereignis zurück: „Notre club est le détenteur exclusif du pouvoir sportif automobile pour le Grand-Duché de Luxembourg. C’est en cette qualité et en celle d’association automobiliste la plus puissante du pays que nous avons organisé le 4 juin dernier la première course de vitesse pour automobiles sur circuit fermé au Grand-Duché de Luxembourg. Et, disons-le sans fausse modestie, notre manifestation a été à tous les points de vue un très grand succès.“  (Annuaire 1939-1940 du NACL, S. 16). 

Es handelte sich demnach um das erste Autorennen auf einem geschlossenen Rundkurs in Luxemburg, bei dem die europäische Elite des Motorsports den 3,836 km langen Kurs 60-mal umrundete. Zwar gab es bereits zuvor Autosportrennen in Luxemburg (vgl. Bob Calmes & Goy Feltes, 1983), doch bei Rennwettbewerben wie Paris-Amsterdam-Paris (1898) oder Paris-Berlin (1901) war Luxemburg lediglich Etappenstart, -ziel oder kontrollpunkt. 1906 nahm erstmals ein Luxemburger an einem internationalen Autowettfahren teil: Nicolas Kieffer, der in Paris arbeitende Ingenieur und Automobilhersteller der Marke Porthos, nahm am Critérium de régularité international teil, das wiederum Zwischenstation in Luxemburg machte. Der 1905 gegründete Automobile Club Luxembourg organisierte ab 1912 und vor allem ab 1922 Bergrennen in Heiderscheidergrund, Vianden, Grünewald, Bridel oder Lauterborn, wo das „Geratter, Geschnaube und Geschnatter von einem halben Hundert der Wunderwagen, die das Fliegen zu ebener Erde zur Wahrheit gemacht haben“ zu hören waren (Luxemburger Land 29.-06.1912). 1924 erschien die erste Luxemburger Automobilzeitschrift L’Écho de l’Automobile, das zweimal monatlich erscheinende und kostenlos an die Mitglieder verteilte Publikationsorgan des ACL, das 1937 durch Zusammenlegung mit der 1923 gegründeten Motor-Union Revue in Auto-Revue umbenannt wurde. Die Automobilsportbegeisterung in der Öffentlichkeit wuchs bis in die 1930er stetig an.

Im Gegensatz zu vorigen überwiegend nationalen Rennen stach der vielfach erwartete Prix du Centenaire von 1939 durch die Teilnahme renommierter Rennfahrer aus dem Ausland hervor. Lediglich der Escher Mechaniker Jos Zigrand, das Luxemburger Aushängeschild des Automobilsports, der 1934 gemeinsam mit seinem Beifahrer Robert Bouquet die Strecke Luxemburg-Paris-Luxemburg dreimal (2185 km) innerhalb von knapp 26 Stunden zurücklegte, Seriensieger in den 1930er Jahre war und später Präsident der Werkstatt- und Garagenbetriebsvereinigung Fegarlux wurde, nahm mit seinem Bugatti 35B am Rennen teil.

Einschreibungsformular, das gemäß Artikel 7 des Reglements mitsamt einem Bildporträt bis zum 15. Mai 1939 eingereicht werden musste. Hervorzuheben ist, dass das die Startaufstellung nach dem Eingang der Formulare beim N.A.C.L. erfolgte: Zigrand startete von der Pole Position, hatte demnach seinen Teilnahmewunsch als erster eingereicht.

Prinz Felix gab um 15.00 Uhr das Startzeichen zum 230 km langen Rennen: „La foule vibre d’enthousiasme lorsque dans un vrombissement impressionnant les bolides s’élancent impeccablement vers la gloire.“ (Le Luxembourg 05.06.1939) Es schossen davon: Guiseppe ‚Nino‘ Farina und Clemente Biondetti (Alfa Romeo 412), Emilio Villoresi (Alfa Romeo 8C), Raoul Forestier, Pierre Levegh (beide Talbot T150C), Jean-Pierre Wimille (Bugatti 59-50B), Ernest André (Bugatti T35), Robert Mazaud (Delahaye 135), Petre Christea (BMW 328) und Jos Zigrand. Nicht nach Luxemburg geschafft hatten es die Fahrer René Dreyfus und George Raphaël Béthenod de Montbressieux und der im Vorfeld als Rennteilnehmer angekündigte Prinz Max zu Schaumburg-Lippe.

Den Pokal durfte Erbgroßherzog Jean dem Sieger Jean-Pierre Wimille überreichen, nachdem dieser sich insbesondere zu Anfang des Rennens einen “wunderbaren und nervenaufpeitschenden Zweikampf“ mit Farina geliefert hatte (Escher Tageblatt 05.06.1939). Der Italiener, der bei seinem Benzinstopp und beim Wechseln der Kerzen viel Zeit verloren hatte, musste in Runde 22 aufgeben, so dass der Franzose am Ende ungefährdet auf den ersten Platz fuhr – er hatte alle anderen Rennfahrer überrundet, den Drittplatzierten bereits drei Mal. Biondetto und Levegh belegten die Ehrenplätze; Zigrand lag zur Hälfte des Rennens bereits 12 Runden zurück, wobei er auf einem älteren Modell auch die Kerzen wechseln und wegen überhitzen Motors mehrmals anhalten musste; er beendete das Rennen als 7. und letzter;  André brach das Rennen bereits nach der ersten Runde ab und Forestier schied nach einem Unfall in der 40. Runde aus. Die schnellste Runde mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit sicherte sich Farina mit 141 km/h (vgl. Goy Feltes, in: 100 Joer Automobilsport zu Lëtzebuerg, 2013).

Auf der Tribüne in der Nähe Boxengasse konnten 700 Personen Platz nehmen und etwa die Hälfte des Kurses überblicken. Insgesamt haben je nach Quelle, zwischen 15.000 und 25.000 Menschen das Rennen live verfolgt; über ein Lautsprechersystem wurden die Autosportbegeisterten über den Rennverlauf, die Boxenstopps sowie Ausfälle und Überholmanöver informiert. Chronometreure des Nürburgrings waren vor Ort, und vier Ärzte mit zwei Krankenwagen und neun Rennkommissare waren rund um Rennstrecke postiert. Der Hingucker war zweifelsohne der höchst seltene Zwölfzylinder-Rennsportwagen Alfa Romeo 412, von dem insgesamt nur 4 produziert wurden; dieses Rennauto gab es nur in Antwerpen und in Luxemburg bei den Sportwagen-Grand Prix zu bewundern (vgl. Jean-Paul Hoffmann: Autos, die in Luxemburg Geschichte machten, Bd. 1, S. 60). Für den Alfa-Fahrer Villoresi war es das letzte Rennen seiner Karriere; nur zwei Wochen nach dem Prix du Centenaire verunglückte der 30-jährige bei einer Testfahrt in Monza tödlich.

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